Prozedere und Krankheitsverlauf
Zur raschen histologischen Diagnosesicherung erfolgte eine sonographisch gesteuerte Biopsie eines zervikalen Lymphknotens. Histologisch konnte ein kleinzelliges Lungenkarzinom (SCLC) gesichert werden. Die immunhistochemische Untersuchung zeigte eine PD-L1-Expression von 0 % sowie eine DLL3-Expression von 40 %. DLL3-Expression wird bei uns an der Klinik aus rein akademischen Gründen mitbestimmt, ist aber derzeit kein therapeutisch notwendiger Parameter.
Das initiale Staging ergab bei Nachweis multipler intrakranieller Metastasen sowie ossärer, hepatischer, lymphogener und pulmonaler Metastasierung ein Tumorstadium cT4 cN3 cM1c, entsprechend einem Extensive-Disease-SCLC (ED-SCLC).
Ab März 2025 erfolgte eine palliative Erstlinientherapie mit Carboplatin, Etoposid und Durvalumab. Unter insgesamt vier Therapiezyklen zeigte sich ein sehr gutes radiologisches Ansprechen. Prinzipiell wäre die Patientin bei Response im Restaging grundsätzlich für eine Teilnahme an der DeLLphi-305-Studie (Studiendesign: bei Response auf Induktionschemoimmuntherapie – Erhaltung mit Durvalumab + Tarlatamab) an unserem Zentrum vorgesehen. Vor einem möglichen Studieneinschluss kam es jedoch zu einer schweren, intubationspflichtigen Hämoptyse. Diese konnte im Rahmen einer Bronchoskopie erfolgreich kontrolliert werden. Aufgrund des prolongierten Weanings und des Intensivaufenthaltes war ein Studieneinschluss anschließend nicht mehr möglich.
Nach klinischer Stabilisierung und weiterhin sehr gutem radiologischem Therapieansprechen wurde die Erhaltungstherapie mit Durvalumab fortgeführt. Bis November 2025 erfolgten insgesamt neun Gaben. Im weiteren Verlauf zeigte sich jedoch eine deutliche Tumorprogression mit lokalem Progress im linken Oberlappen sowie neu aufgetretenen bzw. deutlich progredienten multiplen Lebermetastasen.
Aufgrund der Progression in der alleinigen Immun-Erhaltungstherapie wurde eine Second-Line-Therapie mit Tarlatamab im NPU Programm angelehnt an die DeLLphi-304 eingeleitet. Die Therapie wurde ab dem 27.11.2025 gut toleriert. Als relevante therapieassoziierte Nebenwirkung traten lediglich intermittierende subfebrile Temperaturen auf, die symptomatisch mit Paracetamol gut kontrollierbar waren. Schwerwiegende weitere Nebenwirkungen wurden nicht beobachtet.
Im Restaging nach etwa drei Monaten zeigte sich unter Tarlatamab ein gutes systemisches Therapieansprechen. Insbesondere die hepatischen Metastasen waren nahezu vollständig regredient; auch die primäre pulmonale Tumormanifestation im linken Oberlappen zeigte eine deutliche Größenregredienz.
Auffällig war jedoch eine isolierte Größenprogredienz des zuvor bekannten, kontralateralen spikulierten Rundherdes im rechten Oberlappen, der mittlerweile eine Größe von nahezu 2 cm erreicht hatte. Aufgrund dieses diskordanten Ansprechens wurde zur differenzialdiagnostischen Abklärung eine CT-gezielte Biopsie der Läsion durchgeführt. Histologisch zeigte sich ein TTF-1-positives pulmonales Adenokarzinom mit fehlender PD-L1-Expression (0 %) und Nachweis einer KRAS-G12D-Mutation, vereinbar mit einem synchronen pulmonalen Zweitkarzinom.
Da das metastasierte SCLC unter Tarlatamab weiterhin ein sehr gutes systemisches Ansprechen zeigte und die Therapie ausgezeichnet vertragen wurde, wurde von einer Umstellung der Systemtherapie abgesehen. Stattdessen erfolgte eine lokal ablative stereotaktische Radiotherapie des progredienten pulmonalen Zweitkarzinoms, die am 26.05.2026 durchgeführt wurde.
Die Radiotherapie wurde ohne relevante Nebenwirkungen toleriert. Die Tarlatamab-Therapie konnte mit lediglich einer therapiebedingten Dosispause im zeitlichen Umfeld der Bestrahlung unverändert fortgeführt werden. Im weiteren Verlauf zeigte sich eine anhaltende Tumorkontrolle bei weiterhin sehr guter Verträglichkeit der systemischen Therapie (Stand: 09/2026).
Besonders hervorzuheben ist in diesem Fall die diskordante Tumorbiologie: Während das metastasierte SCLC unter Tarlatamab ein nahezu komplettes Ansprechen zeigte, entwickelte sich aus einer zunächst als pulmonale Metastase bzw. unklare Läsion eingestuften kontralateralen Raumforderung ein histologisch gesichertes synchrones Adenokarzinom. Die histologische Reevaluation einer isoliert progredienten Läsion ermöglichte dadurch eine individualisierte Weiterführung der wirksamen SCLC-Therapie bei gleichzeitiger lokaler Behandlung des Zweitkarzinoms.